Beta-Thalassämie und Sichelzellanämie

Hintergrund

Beim humanen Hämoglobin handelt es sich um ein Heterotetramer, das sich aus zwei Alpha-
und zwei Beta-Hämoglobinketten aufbaut. Das Kennzeichen der Beta-Thalassämie ist eine
reduzierte Bildung der Hämoglobinuntereinheit Beta. Grundsätzlich werden verschiedene
Schweregrade unterschieden. Zum einen gibt es die (Thalassämia minor), bei der eine
Mutation heterozygot vorliegt. Da dieser Defekt durch die zweite, intakte Genkopie
kompensiert werden kann, ist der Krankheitsverlauf mild bzw. unauffällig. Da in der Regel
keine klinischen Symptome beobachtet werden, sind keine Therapiemaßnahmen nötig. Zum
anderen werden bei der schwereren Verlaufsform, der Thalassämia major (auch Cooley-
Anämie genannt), Genveränderungen im homozygoten oder gemischt-heterozygoten
Zustand gefunden. Es werden keine intakten Beta-Globinuntereinheiten produziert, so dass bereits im ersten Lebensjahr schwerwiegende Symptome auftreten. Durch die relative Zunahme des Alpha-Globins kommt es zu einer Destruktion der Erythrozyten, was zu einer mikrozytären hypochromen Anämie führt. Darüber hinaus zählen Wachstumsstörung, Ikterus und Hepatosplenomegalie zu den Symptomen. Zur deren Linderung benötigen die Patienten regelmäßige Bluttransfusionen. Dadurch wird dem Körper zu viel Eisen zugeführt mit der Folge schwer wiegender Schädigung von Herz und Leber (sekundäre Hämochromatose)
Die derzeit einzige Heilungsmöglichkeit stellt die Knochenmarkstransplantation dar.
Bei der Sichelzellanämie bildet das Hämoglobin unter Sauerstoffmangel Aggregate,
wodurch die Erythrozyten an Plastizität verlieren und die charakteristische Sichelform
annehmen. Durch die damit verbundene Störung der Mikrozirkulation kommt es zur
Gefäßverschlusskrankheit, die sich in heftigen Schmerzen und Schwellungen der
betroffenen Körperregionen äußert. Weiterhin können sich die Sichelzellen in Leber und Milz
einlagern, was zu einer Ansammlung großer Blutmengen und schockartigen Zuständen
führen kann. Da heterozygote Träger der Sichelzellanämie stabiler gegen Malaria sind, haben diese in Malariagebieten ein Selektionsvorteil.

Genetik

Die Thallassämien und die Sichelzellanämie werden autosomal-rezessiv vererbt.

Indikationen

In vielen früheren Malariagebieten am Mittelmeer ist die Prävalenz der erblichen Hämoglobinopathien so hoch, dass dort bei jeder Eheschließung ein Heterozygotenttest empfohlen oder sogar vorgeschrieben ist.

Analytik

Für die Beta-Thalassämie werden alle codierenden Abschnitte sowie die
flankierenden Intron-Bereiche des ß-Globin-Gens mittels DNA-Sequenzierung untersucht. Größere Deletionen und Duplikationen werden durch MLPA erfasst. Zum Nachweis der Sichelzellanämie wird ausschließlich die verantwortliche Mutation
c.20A>T (p.E7V) nachgewiesen.